Der vergessene Kaiser Friedrich III. – ein liberaler Monarch?

Potsdam, 15. Juni 1888: Die Luft war voller Blütenduft. Der Klang einer Morgenglocke, der von einer entfernten Dorfkirche herüberwehte, mischte sich mit den Rufen der Lerchen, Kuckucke und Ringeltauben im Gehölz. Plötzlich wurde die königliche Standarte, die über dem Palast wehte, auf Halbmast gesetzt. Das fallende Beil einer Guillotine hätte den trauernden Zuschauern, die sich vor dem Schloss Friedrichskron versammelten, keinen schmerzhafteren Schock versetzen können…
So ähnlich beschreibt der Historiker Frank-Lorenz Müller in seiner Biografie zu FRIEDRICH III. die öffentliche Stimmung nach den Schilderungen eines Korrespondenten der Londoner Times am Todestag des Monarchen.

Friedrich III., der nur 99 Tage als Kaiser herrschen sollte, erlag mit nur 56 Jahren dem Kehlkopfkrebs. Bis heute balanciert seine nationale wie internationale Bewertung zwischen einem desinteressiertem Vergessen und einer schieren Mystifizierung als ungelebter Traum der Liberalen. 1831 als Sohn des damaligen Prinz von Preußen und späteren ersten Kaiser des Deutschen Reiches Wilhelm I. geboren, genoss der junge Friedrich Wilhelm unter seiner Mutter Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, die selbst im freiheitlichen Weimarer Hof der Goethezeit aufwuchs, eine liberale und intellektuelle Erziehung. Diese stellte in der Praxis einen Gegenpol zum strengen Preußentum des Vaters dar. Eine weitere prägnante Identifikationsfigur fand er in seinem Schwiegervater, der Gemahl Queen Victorias, Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Über viele Jahre hinweg schrieben sich Friedrich Wilhelm und Albert Briefe, in denen sie sich u. a. auch über eine Zukunft Preußens innerhalb des bis dato noch nicht proklamierten Deutschlands und innerhalb Europas austauschten.
Albert, der ebenfalls von liberaler Gesinnung war, übermittelte Friedrich etwaige Lebensweisheiten, die für diesen über seinen Tod 1861 hinaus als sakrosankt galten. Alberts Tochter, Friedrichs Ehefrau und spätere Kaiserin Victoria, übernahm nach dem Tod ihres Vaters den liberalen Konterpart zur konservativ-preußischen Umgebung im Leben des Kronprinzen.


Friedrich, der selbst ein inniges Verhältnis zu Großbritannien pflegte, setzte sich besonders als Kronprinz für eine fortschreitende Liberalisierung und Demokratisierung Preußens sowie ab 1871 Deutschlands ein. Zwar liebäugelte er sehr mit der englischen Verfassung, doch war zeitlebens ein Gegner davon, diese Herrschaftsform auf den eigenen Machtbereich zu übertragen. Friedrich Wilhelm wollte keine radikale Parlamentarisierung; stattdessen bevorzugte er eine fortschrittliche Konstitutionalisierung Preußens und Deutschlands. Sein Hauptziel war die Durchsetzung eines Rechts- und Verfassungsstaats in einem dafür angesetzten, normierten, schriftlichen Rahmen unter dem Schutz gewählter Volksvertreter.
Daher war es kaum verwunderlich, dass er 1855 gegen die konservative Wahlmanipulationen öffentlich protestierte. Für ihn war eine radikale Demokratisierung Preußen-Deutschlands zwar keine Option, nichtsdestotrotz galten seine politischen Ambitionen aber der Stärkung des
(Links-) Liberalismus. Wie die Sozialliberalen, wovon einige Vertreter zu seinen engen Vertrauten gehörten, zählte auch Kronprinz Friedrich (im Gegensatz zu den kooperierenden Nationalliberalen) zu den entscheidenden Bismarck-Kritikern. Einzig im Kulturkampf gegen
die katholische Kirche sowie im entschlossenen Kampf gegen die Sozialdemokratie sollte der Eiserne Kanzler, der dem zukünftigen Kaiser politische Verirrungen nachsagte, einen Verbündeten Wissen. Besonders der von Bismarck etablierte Sozialstaat sowie staatliche Eingriffe in den Markt, wie Zollpolitik und Protektionismus, waren für ihn wie die Eingriffe in die Arbeitgeberrechte, ein Dorn im Auge. Er verachtete den „königlichen Staatssozialismus“, wie er ihn nannte und wollte Deutschland als ein „Bollwerk gegen den Sozialismus“ verstanden wissen. Für ihn galt der Freihandel als einziges Ziel einer guten Nationalökonomie, während
der eingeführte Sozialpaternalismus die Arbeiter nur, so Friedrich, zur Unselbstständigkeit und Bequemlichkeit ermuntere.
Natürlich ist Friedrich III. im Kontext seiner Zeit zu beurteilen. Der von ihm verkörperte janusköpfige Preußen-Liberalismus samt nationalliberaler Kolonialismus-Begeisterung und Militarismus-Affinität sind aus heutiger Sicht weniger klassisch-liberale Grundwerte. Doch seine erlernte Kriegsablehnung, seine Abscheu vor der Todesstrafe, seine Begeisterung gegenüber des Nationen- und Volksgedankens sowie seine Auffassung eines neuen Preußens und eines besseren Deutschen Reichs, waren Novitäten eines modernen Liberalismus. Als erster seines Standes sprach er sich darüber hinaus offen und vehement gegen die aufkeimenden antisemitischen Bewegungen aus. Auch galt er als Verfechter des Minderheitenschutzes.
FRIEDRICH III. kann insgesamt durchaus als (nicht perfekter) liberaler Monarch angesehen werden. Er stellt eine Schlüsselfigur in der Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts dar, deren Regentschaft die Weltgeschichte hätte maßgeblich verändern können, sofern ein frühes
Ableben verhindert worden wäre. Friedrich III. verkörperte einen Liberalismus unter widrigen Umständen.

Literatur:
HERRE, FRANZ, Kaiser Friedrich III. Die liberale Hoffnung, Stuttgart 1987.

KRAUS, HANS-CHRISTOF, Friedrich III. (12. März 1831 – 18. Juni 1888), in: Kroll, FrankLothar (Hg.) Preußens Herrscher: Von den ersten Hohenzollern bis Wilhelm II., München 2006, S. 265-289.
MÜLLLER, FRANK LORENZ, Der 99-Tage Kaiser. Friedrich III. von Preußen. Prinz, Monarch, Mythos, München 2013.

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