Die Stem van Suid-Afrika: Historisches Kulturgut oder Symbol der Apartheid?

Seit dem Abbau der Apartheid und den ersten demokratischen Wahlen im Jahre 1994 in Südafrika, stellt sich vielen Menschen sowohl national, als auch international die Frage, wieviel an Symbolik aus der Zeit der Apartheid und auch lange davor akzeptabel ist. Sei es die alte Nationalflagge des Landes, welche von 1928 bis 1994 Südafrika repräsentierte und 2019 schlussendlich verboten wurde, da es von einem Gericht zum „Symbol der Apartheid“ deklariert wurde, oder die alte Nationalhymne Südafrikas (die Stem Can Suid-Afrika) oder in aktuellen Debatten sogar die Amtssprache Afrikaans. Wenn es um das abscheuliche Menschheitsverbrechen der Apartheid und die generelle Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit geht, wird auf allen Seiten emotional diskutiert und wenig differenziert – auch bei der Frage inwieweit oder ob überhaupt die „Stem Van Suid-Afrika“ heutzutage noch zu akzeptieren ist und wofür sie eigentlich steht. Um uns all dies zu verdeutlichen, sollten wir uns die Geschichte und die Bedeutung ein wenig näher anschauen.

Die „Stem van Suid-Afrika“ (englisch: The Call of South Africa) war von 1957 bis 1994 die Nationalhymne Südafrikas und teilt sich heute den Nationalhymnenstatus mit „Nkosi Sikelel‘ iAfrika“. Im Mai 1918 schrieb CJ Langenhoven ein Gedicht auf Afrikaans namens „Die Stem“, zu dem Reverend Martinus Lourens de Villiers 1921 die Melodie komponierte. Es wurde erstmals am 31. Mai 1928 öffentlich gesungen und erst 1952 ins Englische übersetzt. Die Hymne spricht durchgehend vom Engagement für Gott und das Vaterland und symbolisiert für viele Buren bis zu diesem Tage eine Art „Liebesgeständnis“ an ihre Heimat, welche sie in den sogenannten „Burenkriegen“ gegen die übermächtige, britische Kolonialmacht verteidigen und mit der Deportation und dem Tod von ca. 30.000 Frauen und Kindern in den ersten Konzentrationslagern seiner Zeit bitter bezahlen mussten. Da Schwarze aber schon lange vor der Einführung der Apartheidsgesetze massiv benachteiligt wurden, lehnten sie auch „die Stem“ ab, da sie diese als „kolonialistisch“ betrachteten und sie schon relativ früh mit dem Apartheidsregime in Verbindung brachten. Schon früh wurde von Schwarzen Südafrikanern das Lied „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ gesungen und wurde zunehmend zu einem Symbol des Widerstandes gegen die Apartheid. Als Anfang der 1990er Jahre die Apartheid zerbrach und Präsident Van Klerk Nelson Mandela nach 25 Jahren Haft entließ und weitreichende Reformen einführte, wurden südafrikanische Mannschaften wieder zu internationalen Sportveranstaltungen zugelassen, was ein Problem bei der Wahl der nationalen Identität darstellte, welche Südafrika zu präsentieren hatte. Die Stem wurde 1992 bei einem Rugby-Union-Testspiel gegen Neuseeland gesungen, was den African National Congress (ANC) unter Nelson Mandela verärgerte, da sie bei der Wahl der Hymne nicht konsultiert worden waren. Der ANC bestand danach darauf, dass Die Stem nicht mehr als Hymne verwendet werden sollte und schlug „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ vor, welches sie bereits als Parteihymne adaptiert hatten. So wurde als Kompromiss bei den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona stattdessen Schillers „Ode an die Freude“ zu Beethovens Musik, zusammen mit einer neutralen olympischen Flagge verwendet. Bei der Wahl Nelson Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas wurde bei Staatsbesuchen sowohl „Die Stem“ als auch „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ gespielt, bis 1997 schlussendlich „Die Stem“ und „Nkosi Sikelel’ iAfrika“ sowohl melodisch, als auch textlich zusammengeführt und etwas angepasst wurden, um die Einheit und die Vielfalt dieses Vielvölkerstaates zu repräsentieren und bilden bis zu diesem Tage die Nationalhymne Südafrikas.

Doch dieser Versuch der Einheit scheint bis heute nicht gut bei allen angekommen zu sein. Große Teile der kommunistischen Mehrheitsregierung und die oppositionelle, radikal-rassistische EFF (Economic Freedom Fighters) weigern sich stets die 2. Strophe auf Afrikaans mitzusingen und fordern sogar eine erneute Reform der Nationalhymne und ein Verbot der Stem, welche unter vielen Buren noch immer gesungen wird, als ein Zeichen der kulturellen Identität und des Geschichtsbewusstseins. Schlussendlich gibt es nur zu sagen, dass in einem multiethnischen Staat wie Südafrika mit 11 Amtssprachen und unzähligen Volksgruppierungen, jeder seine Kultur ausleben dürfen sollte, solange es niemand anderem schadet. „Die Stem van Suid-Afrika“ ist kein Symbol des Hasses und der Ausgrenzung, sondern ein wichtiger Teil der nationalen Geschichte und Identität.

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