Erinnert euch der Begriff Kulturrevolution auch so sehr an den chinesischen Diktator Mao?
Mao wollte 1966 den chinesischen Sozialismus erneuern, da er das Erstarken einer Bürokratenklasse fürchtete, die den Sozialismus zurückwerfen würde. Dazu wollte er den Klassenkampf wieder
aufleben lassen und die Partei „proletarisch“ erneuern. Aus Maos Sicht gab es eine neue Ausbeuterklasse, die der Funktionäre, Techniker, Verwaltungsfachleute, Intellektuellen etc.
Nebenbei sollte auch noch einige pragmatische Politiker entmachtet werden. Als Mittel wählte Mao die Gewalt. Es bildeten sich Rebellionsgruppen an Schulen und Universitäten, Universitätslehrer wurden physisch gedemütigt und durch die Straßen getrieben. Die sogenannten Roten Garden wollten „vier Relikte“ zerstören: alte Gedanken, alte Kultur, alte Gebräuche und alte Gewohnheiten. Alles, was nur den Anschein des „Klassenfeindes“ hatte, wurde bekämpft. Die Roten Garden durchsuchten Häuser und zerstörten Bücher, Bilder, unproletarische Kleidung, falsches Geschirr oder auch Lippenstift. Nicht selten wurden Menschen auch gefoltert. Es herrschte eine extreme Atmosphäre: wer als gut galt, war dies kompromisslos und bis ins letzte, wer als böse galt, war auch dies durch und durch. Die Wirtschaft wurde fast komplett verschont, nachdem Maos „Großer Sprung nach vorne“ sich als pleite erwiesen hatte und durch Deng Xiaoping kapitalistisch wieder auf Vordermann gebracht werden musste. Kulturell waren die Eingriffe hingegen schwerwiegender. Beispielsweise wurden willkürlich Werke mit proletarischen Helden als vorbildlich ausgewählt, die traditionellen Opern hingegen verboten. Dieser kurze Abriss der Kulturrevolution muss erst einmal genügen. Wer mehr erfahren möchte, dem sei der Wikipedia-Artikel, aus dem die verwendeten
Angaben stammen, ans Herz gelegt.

Aber, werden Sie, lieber Leser, nun erwidern, von Kulturrevolution kann man doch heute kaum sprechen. Wir haben keine Garden, die unsere Häuser auf falsche Literatur et cetera durchsuchen und überhaupt: durch das Internet klappt eine derartige Zensur doch gar nicht mehr. Na ja, doch. Die moderne Kulturrevolution setzt sich zusammen aus „Postmodernismus, Postkolonialismus, Identitätspolitik, Neomarxismus, kritischer Rassentheorie, Intersektionalität und Therapiementalität“, so beschreibt jedenfalls Bari Weiss, ehemals Journalistin der New York Times, die Mischung. Ich werde mich auch im Übrigen hauptsächlich auf ihren zuerst im Tablet Magazine (tabletmag.com) und am 19.10.2020 in der „Welt“ erschienen Artikel (dt.) „Unglaublich“ beziehen.

„Wir befinden uns in einem Krieg, in dem die Kräfte der Gerechtigkeit und des Fortschritts den Kräften der Rückständigkeit und der Unterdrückung gegenüberstehen. Und in einem Krieg werden die normalen Spielregeln – der faire Prozess, der politische Kompromiss, die Unschuldsvermutung,
die Redefreiheit und sogar die Vernunft – ausgesetzt.“ So beschreibt Bari Weiss diese neue Überzeugung. Die „kritische Rassentheorie“, die all unsere Werte und Normen, die aus der Aufklärung resultieren per se als „strukturell rassistisch“ einstuft, ist der Schlüssel dazu. Neutralität existiert nach dieser Theorie nicht. Vielmehr wird Menschen in jüngster Zeit allein aufgrund ihrer Hautfarbe („weiß“) unterstellt, ohnehin Rassisten zu sein (So z.B. in der Zeit. Dass der Artikel hinter der Paywall liegt, ist zur Beurteilung tatsächlich irrelevant. Das Zitat in der Überschrift sagt genug aus).
Moment mal: Menschen einer bestimmten Hautfarbe wird aufgrund dieser Hautfarbe pauschal eine negative Eigenschaft unterstellt? Wäre die Vernunft am Zug, würde man diese „antirassistischen“ Theorien sofort als rassistisch entlarven. Aber das geht ja nicht. Das Mantra stirbt nicht aus, Rassismus gegen Weiße könne gar nicht existieren, weil Rassismus aus Strukturen erwächst. Dabei wird nur leider ignoriert, dass rassistische Strukturen aus dem individuellen Rassismus der Entscheidungsträger erwächst, mithin individueller Rassismus der Schlüssel ist.
(Man zeige mir den Linken, der von „strukturellem Rassismus“ faselt, der unseren führenden Beamten und Politikern konkret und zweifelsfrei eine rassistische Gesinnung nachweisen kann.) Und genau da liegt das Problem: es geht nicht mehr darum, rassistische Ansichten zu bekämpfen, die in den Köpfen mancher Menschen verankert sind. Es geht nur darum, „Strukturen“ zu zerstören. Klingt ziemlich linksradikal, nicht? Nach den Menschen, die das „System“ zerstören möchten. Wenn man übrigens den Gedanken des individuellen Rassismus akzeptiert, gibt es ein weiteres Problem: Mitglieder einer Minderheit können durchaus der Mehrheit gegenüber rassistische Gedanken haben. Das äußert sich dann zwar nicht in struktureller Benachteiligung (jedenfalls nicht, wenn nicht, wie so oft, Minderheiten klar abgegrenzt in Vierteln konzentriert sind), aber der Samen für Abwertung dieser Menschen und dementsprechend auch eine niedrigere Schwelle für Hass und Gewalt, sind gelegt.

Bari Weiss konzentriert sich in ihrem Text in erster Linie darauf, wie antisemitisch diese neue Ideologie im Kern eigentlich ist. Ich möchte den antiliberalen Kollektivismus aufzeigen, der dieser Ideologie innewohnt.

Punkt Eins: Individuen sind in der „kritischen Rassentheorie“ quasi nicht existent. Es wird nur in Kollektiven gedacht. Punkt Zwei: wie alle kollektivistischen Ideologien ist diese neue Misch-Ideologie bestrebt, alles alte auszumerzen. Nazis und Kommunisten wollten den Einfluss und die Macht der Familien brechen, indem Kinder in die Jugendorganisationen gezwungen und dort sanft indoktriniert wurden. Die Misch-Ideologie möchte alle Strukturen, die ein ungleiches Ergebnis erzeugen, vernichten. Es sei ja alles rassistisch oder Teil der weißen Vorherrschaft. Punkt Drei: Die Ideologie ist Extrem. Nach dem Motto „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ ist jeder, der nicht aktiv Antirassist ist, ein Rassist. Neutralität – Fehlanzeige. Punkt Vier: Gleichzeitig ist das Prinzip der „Farbenblindheit“ verpönt. Es wird nicht nach inneren Werten und Leistung geurteilt. Nein, kollektiv sollen manche Gruppen Vorteile erhalten und andere benachteiligt werden. Dass das Ergebnis weder gleich noch gerecht ist, sollte sich jedem Menschen mit gesundem Menschenverstand erschließen.

Kulturelle Unterschiede zu sehen, ist übrigens dem Demagogen Ibram X. Kendi zufolge ebenfalls kein Grund, Kulturen unterschiedlich zu bewerten. Ehrenmorde? Egal. Es gibt keine bedeutenden Unterschiede zwischen Kulturen. Wenn sich diese Ideologie durchsetzt, können wir die universellen Menschenrechte eigentlich in die Tonne kloppen. Vom ihm stammt übrigens auch die Entweder-Oder-Ideologie, die ich unter Punkt
Drei zusammengefasst habe. Apropos Rassismus uns Antisemitismus: in Kalifornien wurde versucht, einen Lehrplan für ethnologische Studien einzuführen. Die Rolle der jüdischen und irischen Einwanderer darin? Sie errangen weiße Privilegien. Weiter geht die Verquickung von „Antirassismus“ und Antisemitismus, wenn Zionisten und Rassisten quasi synonym sind.

Wenn diese Ideologie nur eine Randerscheinung wäre, wäre die Lage schlimm genug. Doch diese Ideologen haben zuerst Amerikas Universitäten unterwandert und seit einiger Zeit ist dieser „Linksliberalismus“ auch nach Europa geschwappt.

Doch eine Welt, die unter dem Joch dieser kollektivistischen Ideologie liegt, ist weder Antirassistisch noch gerecht noch frei. Vielmehr dominieren dort Rassismus, Antisemitismus, Ungerechtigkeit und sogar Ungleichheit. Und über allem wird die Ideologie wie ein Tyrann thronen und die Menschen dazu auffordern, jeden, der eine andere Ansicht hat oder gar ein Individuum ist, zu denunzieren. Was macht man dann mit all den vermeintlichen Rassisten, deren Verbrechen die Differenzierung ist? Man wir Gulags errichten. Nur der Name wird schöner sein. Siegt die Ideologie, dann verliert die Freiheit.

Und versuchen Sie nicht, mir rassistische Gedanken zu unterstellen. Die formelle und tatsächliche Gleichberechtigung aller Menschen ist ein Menschenrecht. Und daraufhin ist es gerechter, nicht auf Farben oder Geschlechter zu schauen. Diese sind irrelevant. Es zählen Verhalten, Leistung, Charakter und Wissen. Alles Dinge, die individuell sind, die man keinem Kollektiv zurechnen kann. Und die Ungleichheiten produzieren und durch die Misch-Ideologie bekämpft werden.

Und was hat das jetzt alles mit Maos Kulturrevolution zu tun? So wie die Roten Garden bekämpft auch die namenlose Ideologie alles Alte. Es darf nichts mehr in dieser Richtung existieren. Es muss weg, es passt nicht zur Ideologie. Die Kultur muss zur Ideologie passen, soll konstruiert werden. Diese Negierung und Zerstörung der Geschichte zieht sich übrigens durch alle Extrema. Wer erinnert sich noch an die Zerstörungsorgien der IS-Terroristen, die in der Sprengung von Palmyra gipfelte?

Viele von Marx Schlussfolgerungen waren Kokolores – allen voran die Entwicklung des Kommunismus. Doch sein Ausspruch „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“ bestätigt sich so oft, dass man ihn nur als wahr einstufen kann. Es scheint so, dass im Falle der Kulturrevolution die Chronologie des Ausspruchs umgedreht ist. Mao betrieb die Farce und die Tragödie schleicht sich derzeit heran.

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