Am 19. November teilte ein Twitter-Nutzer namens „Jens“ eine Grafik, die die Wachstumsrate der Infektionszahlen abbildet. Zu sehen war, dass das Wachstum drei Wochen lang abnahm, die letzten zwei Tag lag sogar ein negatives Wachstum, also eine Abnahme der Fallzahlen vor. Versehen war sie mit der Beschreibung, ab 100%-igem Wachstum lege exponentielles Wachstum vor. Prof. Christian Drosten, Chef Virologe der Charite, widersprach: „Exponentielles Wachstum gibt es bei jedem Wert über 0%.“ Wer nun hat recht?
Die Antwort ist: Keiner der beiden. Weder ein Wert von 0% oder 100% ist relevant. Exponentielles Wachstum hat nämlich nichts mit der Höhe der Wachstumsrate zu tun. Der Begriff beschreibt ein Wachstum, bei dem die Wachstumsrate konstant ist, also die Infektionszahlen in der gleichen Zeitspanne um denselben Faktor vermehren. Erleben wir ein Wachstum von 1% über eine Woche, ist es exponentiell. Fällt das Wachstum in einer Woche von 170% auf 130%, ist es nicht exponentiell.
Sowohl der Chef-Virologe der Charite als auch der selbstausgewiesene Diplom-Kaufmann Jens beschreiben falsch, was eigentlich exponentielles Wachstum, der Tweet Drostens erhielt jedoch das 20-fache an „Gefällt mir“-Angaben – knapp 6.000 nämlich, eine beträchtliche Anzahl. Der Finanzwissenschaftler Prof. Stefan Homburg, welcher Drosten auf seinen Fehler hinwies, bekam von ihm nur Häme zu spüren: „Mir reicht es jetzt mit Ihnen, ich blockiere Sie jetzt“ – dieser Tweet erhielt sogar ganze 16.000 Likes.
Prof. Drosten, der in diesem Punkt sachlich schlichtweg daneben lag, war die Unterstützung seiner Anhänger trotzdem sicher. „Diskussionen mit solchen Menschen sind Lebenszeitverschwendung. Sie haben Wichtigeres zu tun“, liest man da. In den sozialen Netzwerken hat sich aus den hohen Sympathien für den Virologen eine Kultur entwickelt, jede seiner Aussage als wahr anzusehen, jeder, der Widerspruch äußert, wird mit Häme überzogen.
In der Bevölkerung genießt Prof. Drosten allgemein hohe Sympathiewerte. In Teilen der Gesellschaft scheint sich aus diesen persönlichen Sympathien heraus ein Wissenschaftsverständnis etabliert zu haben, das auf Idolisierung und Dämonisierung der Wissenschaftler setzt. Eigentlich paradox – denn genau das hatte Christian Drosten zu Beginn der Corona-Krise kritisiert. Wissenschaftler seien keine Konkurrenten, Vielfalt müsse gehört werden, die Medien würden die Debatte künstlich verschärfen, sagte er in seinem Podcast. Es wäre dem wissenschaftlichen Diskurs zuträglich, wenn Drosten und seine Anhänger sich darauf zurückbesinnten.

One thought on “Prof. Christian Drosten, exponentielles Wachstum und der Diplom-Kaufmann Jens”

  1. „Prof. Christian Drosten, Chef Virologe der Charite, widersprach: „Exponentielles Wachstum gibt es bei jedem Wert über 0%.“ Wer nun hat recht?
    Die Antwort ist: Keiner der beiden. Weder ein Wert von 0% oder 100% ist relevant. “

    Das ist schlichtweg falsch. Ein Wert gleich 0 würde eine Konstante und kein Wachstum wiedergeben. Ein Wert unter 0 ist mathematisch zwar ein negatives Wachstum, jedoch finde ich es bei einem Virologen dann verständlich, nicht mehr von Wachstum zu reden, sondern von Zerfall.

    Bei jedem Wert über 0 gibt es dann zwei Varianten: Ein lineares Wachstum oder ein exponentielles Wachstum. Jedem Laien wird dabei auffallen, dass die Verläufe niemals geradlinig sind, sondern eine Kurve darstellen. Ersteres wäre linaer, letzters exponentiell.

    Homburgs Aussage dagegen war mathematisch völliger Unsinn und dazu beleidigend. Drosten hat das einzig richtige gemacht. Nicht nur weil er Recht hatte, sondern vor allem weil Homburg im Gegensatz zu Drosten nie an Diskussion interessiert war.

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