Warum die Wehrmacht der französischen Armee eine Militärparade nach ihrer Kapitulation gewährte

Es ist eines der symbolträchtigsten und mysteriösesten Bilder des 2. Weltkrieges, welches in der modernen Geschichtsanschauung aber so gut wie keine Beachtung findet. Es zeigt deutsche Generäle und Offiziere, die französischen Soldaten bei einer Parade durch den „Grand Place“ in Lille salutieren und das unmittelbar nach der Kapitulation und der Übergabe der Stadt an die deutsche Wehrmacht am 1. Juni 1940. Wie kam es dazu, dass die geschlagenen, französischen Truppen bewaffnet durch die Stadt paradieren durften und die Generalschaft um Alfred Wäger und Erwin Rommel auch noch salutiert? Um den symbolischen und generellen Hintergrund zu verstehen, braucht es aber zuerst etwas an Kontext: Wie jedem bekannt ist, haben Frankreich und das Vereinigte Königreich dem 3. Reich den Krieg nach dem Überfall auf Polen erklärt, doch im anschließenden „Sitzkrieg“ passierte nicht viel, außer einer kleinen Invasion Seitens Frankreich in das Saarland und dem Verlegen des „Britischen Expeditionskorps“ nach Nordfrankreich. Nach der militärischen Niederlage Polens gegen das 3. Reich und die Sowjetunion nahm Frankreich seine Truppen wieder hinter die Magino-Linie zurück und währten sich dort in Sicherheit. Nach der strategischen Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die Wehrmacht änderte sich an der defensiven Haltung der Alliierten nichts. Am 10. Mai wurden durch die Operationen „Fall Gelb“ und „Fall Rot“ und der völlig überraschenden „Blitzkrieg“ Taktik nicht nur die Niederlande und Belgien zur Kapitulation gezwungen, sondern auch die französische Armee und das britische Expeditionskorps auf dem völlig falschen Fuße erwischt. Wie in Trance schauten Politiker in London und Paris zu, wie die deutsche Wehrmacht eine Stadt nach der anderen einnahm und die alliierten Truppen im berüchtigten Dünkirchen einschloß. Etwa zeitgleich mit der Belagerung von Dünkirchen wurde Lille ab dem 28. Mai für vier Tage von sieben deutschen Divisionen eingekesselt. Obwohl die Lage der 40.000 französischen Soldaten in Lille hoffnungslos gegen die deutsche Übermacht war (160.000 Soldaten), lautete der Befehl die deutschen Truppen so lange wie möglich aufzuhalten und das nicht, weil man von alliierter Seite an ein „Wunder“ im Westfeldzug geglaubt hat, sondern um die „Operation Dynamo“, welche schlussendlich 370.000 alliierte Soldaten aus Dünkirchen evakuierte, sicherzustellen. Es ging lediglich darum sich dringend benötigte Zeit zu erspielen, um ein komplettes Desaster zu verhindern und noch eine Chance zu haben die Truppen aus Dünkirchen zu evakuieren. Die französische 1. Armee in Lille hielt für vier Tage aus und kapitulierte am 1. Juni 1940 und übergab die Stadt an die Wehrmacht. Wie sich später herausstellte, waren diese vier Tage und das damit verbundene Fehlen von sieben deutschen Divisionen womöglich der Indikator für die erfolgreiche Evakuierung von 370.000 alliierten Soldaten auf die britischen Inseln. Wobei wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Warum gewährte General Alfred Wäger dem Rest der französischen 1. Armee unter General Molinié volle militärische Ehren mit einer bewaffneten Parade durch die Innenstadt von Lille und salutierte mit dem Offizierstab obendrein? Historiker sind sich heutzutage überwiegend einig, dass Alfred Wäger nach alter Militärtradition dem „Feind“ seinen Respekt für den heldenhaften Widerstand erweisen wollte. Adolf Hitler dagegen war furios über diese Geste, versetzte Alfred Wäger mehrmals und entließ ihn anschließend 1942 unehrenhaft aus der Armee. Die nationalsozialistische Propaganda stellte jede Aufnahme der Zeremonie unter Zensur, um insbesondere im bereits geplanten Feldzug gegen die Sowjetunion jegliche Sympathien zum Feind zu unterbinden. Eine derartige Ehrung sollte im Zweiten Weltkrieg einzigartig bleiben und steht bis heute symbolisch dafür, dass selbst im blutrünstigsten Krieg der Menschheitsgeschichte ein Mindestmaß an Humanität und Respekt nicht vollständig abhanden gekommen ist. Alfred Wäger starb am 9. Juli 1956 in Baden-Baden.

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