Viel Wind war zuletzt um Roland Tichy und seiner Zeitschrift „Tichys Einblick“. In dieser erschien zuvor ein Monatsbericht von Stephan Paetow, der eine sexistische Äußerung über die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli enthielt. Roland Tichy entschuldigte sich für die Formulierung seines stellvertretenden Chefredakteurs, musste jedoch sein Amt als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung aufgeben. Verschrien war das Magazin, das sich selbst als „liberal-konservatives Meinungsmagazin“ und „Stimme der Nachdenklichen“ sieht, bei vielen Politikern und Journalisten ohnehin – Zuschreibungen wie „polemischer Debattenstil“ gehören zu den freundlichen, oft fallen Begriffe wie „Rechtspopulismus“. Was hat es mit Roland Tichy und seinem Magazin auf sich?

Betrachtet man die Beliebtheit von der Zeitschrift bei denen, die von jener gerne „Mainstream“ genannt werden, ist der Gedanke nicht weit hergeholt, man habe dort nur auf einen Moment gewartet, Roland Tichy einen falschen Satz anheften zu können, um so gegen ihn zu vorzugehen. Denn geschrieben hatte er die sexistische Bemerkung nicht einmal selbst, für das Abdrucken hatte er sich sogar nachher entschuldigt. Dennoch wurde er in den Medien von Mitgliedern der Ludwig-Erhard-Stiftung vielfach zum Rücktritt als Vorsitzender der ebenjener Stiftung aufgefordert, Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) legte aus Protest gegen Tichy gar ihre Mitgliedschaft nieder. Tichy gab dem enormen Druck schließlich statt und kündigte an, nicht erneut für den Vorsitz der Stiftung zu kandidieren.

Die Medien nahmen diesen Skandal dankbar an und bliesen ihn noch weiter auf, sodass er es bis auf die Titelseite der FAZ schaffte. In der Mehrheit der Artikel sah sich Tichy eher großer Kritik ausgesetzt, aber dennoch – diese große Aufregung wird den Auflagezahlen von Tichys Einblick sicherlich nicht geschadet haben. Das gab sogar Roland Tichy zu – auch wenn er solche Überlegungen als „zynisch“ bezeichnete.

Viel Neues, viel Kontroverses

Die sicher nicht wenigen Leser, die diesen Monat zum ersten Mal eine Ausgabe von Tichys Einblick in der Hand halten, merken sofort, dass man hier vor Provokation nicht zurückschreckt: „Wieviel DDR steckt heute in Deutschland?“ steht auf der Titelseite in dicken weißen Buchstaben, als Hintergrund dient die schwarz-rot-goldene DDR-Flagge mit Hammer, Sichel und Ährenkranz. Außerdem angekündigt wird ein Artikel von Hans-Georg Maaßen, dem in den Ruhestand versetzten ehemaligen Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der sich heute für die WerteUnion einsetzt – ein Kopf, der polarisiert und regelmäßig mit scharfen Formulierungen für Skandale sorgt.

Dass Tichy seinem Anspruch, Positionen zu vertreten und Nachrichten zu liefern, die man in herkömmlichen Medien nicht liest, gerecht wird, werden ihm auch und gerade seine Kritiker nicht streitig machen. Eine Analyse der Strategien der politischen Linken und Linksextremisten, die Nachricht, beim BBC habe man patriotische Hymnen verbannt oder Satiren über die kirchliche Seenotrettung im Mittelmeer wird man in den klassischen Medien kaum finden – bei Tichys Einblick kriegt man sie. Selbst für denjenigen, der kaum eine der Positionen teilt, kann der Einblick durchaus interessant sein. Man wird bei Tichys Einblick neben einigen weniger relevanten Artikel einiges finden, worüber man dankbar ist, anderes macht nachdenklich, und manches verärgerte einen sicherlich auch.

Der Mainstream abseits des Mainstreams

So sehr wie die Redakteure dem Mainstream widersprechen, so sehr bauen sie in der Zeitschrift ihren eigenen „Mainstream“ auf. Die Blattlinie, die irgendwo zwischen dem rechten Flügel der CDU und der AfD liegt, wird von keinem einzelnen Artikel aufgebrochen. Plädoyers für mehr Klimaschutz hält niemand, Themen wie der Rechtsradikalismus in der AfD werden einfach totgeschwiegen.

Die Leserschaft dürfte zum überwiegenden Teil aus Anhängern der AfD bestehen, die nicht unbedingt moderater sind als die Autoren. In den Leserbriefen musste man Formulierungen wie „Flutung des Landes mit allerlei Gesindel“ über sich ergehen lassen, auch hier sucht man Kritik an der Zeitung oder der AfD vergebens. Über dieses Milieu ist hinlänglich bekannt, dass viele den klassischen Medien nicht mehr vertrauen, ihre Informationsquellen sind oftmals neue, alternative Medien wie die Junge Freiheit oder eben Tichys Einblick. Ein Einsatz für mehr Debatte und Austausch wäre es da durchaus, die Leser zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Ideen und Standpunkten zu bringen.

Die neue Sicht?

Roland Tichy beansprucht für sich gerne die Rolle des Regierungskritikers, der nicht davor scheut, sich bei vielen Menschen unbeliebt zu machen. Und ja – das muss man ihm zubilligen. Tichy schreckt nicht vor Skandalen zurück. Zuletzt musste er aber genau dafür seine Arbeit für den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung räumen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass jeder Oppositionelle in Deutschland immer auch sehr schnell zum Berufsoppositionellen wird. So sehr wie Tichy mit dem Mainstream aneckt, so wenig möchte er bei seinen Lesern anecken. So erfrischend wie ein Artikel ein Tichy-Artikel sein kann, so sehr gleichen sie sich in der Masse. In einem Interview für den YouTube-Kanal von Tichys Einblick sagte Roland Tichy: „Journalismus ist immer das neue, das andere, die neue Sicht.“ Für die einen mag Tichys Einblick das sein, für die anderen ist es Selbstbestätigung.

2 thoughts on “Tichys Einblick – ein kontroverses Diskursmagazin?”

  1. Schön zu lesen. Und es bestätigt irgendwie meine Meinung. Es ist eine Art der Betrachtung von Ereignissen und Gesellschaft, die ich für mich nicht wirklich brauche. Vielen Dank.

    Und als nächstes freue ich mich unbedingt auf eine Kritik an faz und taz, denn ich wäre sehr gespannt, ob ich auch da richtig liege 🙂

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