Als Angela Merkel Ende Oktober enorme Einschränkungen in Form eines Teil-Lockdowns verkündete, wurde der Bevölkerung die Dramatik der aktuellen Lage eindrücklich vor Augen geführt. Deutschlandweit steigende Infektionszahlen, der Anstieg schwerer Krankheitsverläufe und zunehmender Kontrollverlust bei der Nachverfolung von Kontakten, veranlassten die Kanzlerin und die 16 MinisterpräsidentInnen dazu, im November das öffentliche Leben nahezu komplett herunterzufahren. Neben verschärften Kontaktbeschränkungen, geschlossenen Sportstätten und Gastronomiebetrieben sowie einem Übernachtungsverbot in der Tourismusbranche müssen auch Freizeit- und Kultureinrichtungen wieder schließen. Doch vor allem der Lockdown des gesamten Kultursektors ist zu kurz gedacht und verkennt Realitäten.

Das Problem mit der Gießkanne

Begründet werden diese flächendeckenden Eingriffe mit dem Ziel der allgemeinen Kontaktverringerung und der damit einhergehenden Eindämmung des Infektionsgeschehen. Doch anders als im Frühjahr, als die EntscheidungsträgerInnen mangels Kenntnisse bezüglich der Ausbreitung von COVID-19 das komplette Herunterfahren des öffentlichen Lebens beschlossen, können nun Ansteckungsorte besser nachvollzogen werden. So scheint es logisch, dass primär die Bereiche eingeschränkt werden, die besonders als Treiber des Infektionsgeschehen identifiziert werden können. Jedoch gleichen die aktuellen Beschlüsse bis auf wenige Ausnahmen dem Gießkannenprinzip: Die Maßnahmen treffen aufgrund fehlender Abwägung so gut wie alle Einrichtungen – Restaurants, Fitnessstudios, Theater, Konzerthäuser, Kinos – um nur einige zu nennen.

Ohne Beachtung epidemiologischer Gegebenheiten und Kenntnisse des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu Ansteckungsorten werden somit Einschränkungen beschlossen und individuelle Freiheiten beschränkt. So zeigt eine Grafik des RKI unter dem Vorbehalt einer Dunkelziffer von rund 75%, an welchen Orten sich Menschen primär anstecken. Dabei werden vor allem private Haushalte, Alten- und Pflegeheime sowie Arbeitsplätze genannt – Statistiken aus diversen Bundesländern bestätigen diese Analyse. Auffallend ist hier, dass gemäß dieser Statistiken Kulturstätten kaum bis gar nicht zum Infektionsgeschehen beitragen. Das ist auch wenig überraschend, denn schlüssig ausgearbeitete Hygiene- und Sicherheitskonzepte sorgen dafür, dass annähernd keine Infektionen auf diese Einrichtungen zurückzuführen sind. So sah sich selbst Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zu folgender Aussage genötigt: „Man müsste fast sagen: Gehen Sie in die Oper, oder gehen Sie in die Elbphilharmonie – da sind Sie sicherer als zu Hause“. Durch Verkennung dieser Gemengelage wird jedenfalls keine Akzeptanz für die harten Einschnitte geschaffen. Im Gegenteil, an dem Punkt, an dem Maßnahmen nicht klar begründet werden und somit für die breite Bevölkerung nicht nachvollziehbar sind, entsteht Widerstand. Da schaffte die Forderung, dass die Debatte zu den Maßnahmen wieder in die Parlamente gehöre, auch nicht mehr Klarheit, denn konkrete Begründungen für das Schließen von Kultureinrichtungen vermisste man in der Regierungserklärung von Angela Merkel vergebens. Dem Grundsatz, dass nicht Lockerungen, sondern Freiheitseinschränkungen erklärt werden müssen, wird nicht gefolgt.

Kultursektor vor dem Kollaps

So treffen die neuen Einschränkungen einen Bereich, der seit Beginn der COVID-19-Pandemie ohnehin mit Existenznöten konfrontiert ist. Kulturbetriebe wurden im Sommer als eines der Letzen wieder geöffnet, sodass eine Branche mit rund 1,2 Millionen Beschäftigten über drei bis fünf Monate mit Umsatzeinbußen von 80-100% zurechtkommen musste. Erschwerend hinzu kommen dann zwei Punkte: Zum einen war es in der Vergangenheit vor allem kleinen Kulturbetrieben und selbstständigen KünstlerInnen nicht oder nur in beschränktem Maße möglich, Rücklagen zu bilden, auf die sie in der Krise zugreifen könnten. Ferner zeigte die politische Prioritätensetzung den eigentlichen Stellenwert systemrelevanter Kultur. Während der Lufthansa bereits Ende Mai Hilfen in Höhe von 9 Mrd. Euro zugesichert wurden, warteten Kulturschaffende vergebens auf schnelle und unbürokratische Unterstützung. Der Verweis auf den erleichterten Zugang zur Grundsicherung kann dabei nur als blanker Hohn und nicht als Würdigung eines immens wichtigen Sektors empfunden werden.

Auch die Zeit der Lockerung birgt für viele keine Erleichterung. Entweder können die Veranstaltungen aufgrund erforderlicher Hygienekonzepte nur mit begrenzter Teilnehmerzahl stattfinden oder sie bleiben wie im Falle von gewinnbringenden Großveranstaltungen ganz aus. Beschlossene Hilfen aufgrund der Pandemie werden dabei in teils langwierigen Prozessen an Betroffene gezahlt. Wer hoffte, in den darauffolgenden Monaten Umsatzeinbußen wieder wett machen zu können, wird nun bitter enttäuscht: Der Lockdown kann der Sargnagel vieler kleiner Kulturbetriebe werden, wenn sie nicht umfassend und schnell entschädigt werden. Somit müssen die Hilfen der Bundesregierung im Rahmen des Programmes „Neustart Kultur“ dringend erweitert werden, um Existenzen zu sichern. In einem Land der Dichter und Denker, das Meisterwerke von Bach und Beethoven hervorbrachte, sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.  

Der Lebensnerv von Städten und Gemeinden

In der Betrachtung der Folgen der beschlossenen Maßnahmen dürfen allerdings nicht nur die ökonomischen Auswirkungen betrachtet werden. Kontaktbeschränkungen in diesem Ausmaß hinterlassen ihre Spuren hinsichtlich der psycho-sozialen Verfasstheit vieler Menschen, vor allem aber bei jenen, die mit einer Depression oder anderen psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. In diesem Kontext sind Schließungen von Freizeit- und Kultureinrichtungen ein besonders harter Einschnitt, da Rückzugsorte und der Kontakt mit Gleichgesinnten fehlen. Diese Rückzugsorte werden aber gerade mehr denn je von Vielen benötigt. Die dunkle Jahreszeit bricht an und somit wird es merklich unattraktiver, bspw. im Park zu joggen oder generell Zeit draußen zu verbringen. An dieser Stelle könnten gerade die Einrichtungen, die aufgrund des Teil-Lockdowns geschlossen sind, einen Ausgleich schaffen.

So sollte allgemein Kultur nicht als lästiges Beiwerk verstanden werden, im Gegenteil, sie wirkt sinnstiftend und ist für viele ein elementarer Teil ihres Lebens. Der Deutsche Kulturrat sieht die Kultur gar als „Lebensnerv von Städten und Gemeinden“, da in vielen kulturellen Institutionen Menschen inspiriert und gesellschaftliche Diskussionen angestoßen werden. Ferner werden hier Gemeinschaften gebildet und Unterhaltung oder Bildungsangebote geschaffen, sei es in der Form von Kinos, Theatern oder Galerien. All diese positiven Einflüsse werden bei den beschlossenen Maßnahmen offensichtlich nahezu komplett ausgeblendet. 

Kenntnisse nutzen, Kulturbetriebe unterstützen

Deutschland sieht sich mit der COVID-19-Pandemie einer nie dagewesen Ausnahmesituation seit dem 2. Weltkrieg konfrontiert. Aus diesem Grunde sind Freiheits- und Kontaktbeschränkungen sinnvoll, wenn nicht gleich erforderlich, um einen Kollaps des Gesundheitssystem zu vermeiden. Mit den nun beschlossen Maßnahmen ist allerdings die dringende Chance vertan, auf Infektionsschwerpunkte individuell zu reagieren und sich konsequent an epidemiologischen Erkenntnissen zu orientieren. Doch genau dieser Aspekt ist in der Zukunft der Pandemiebekämpfung gefragt – nur die Orte, an denen sich viele Menschen anstecken, sollten für einen gewissen Zeitraum geschlossen werden. Alle anderen Bereiche sind unter gründlicher Abwägung offen zu halten. Jedoch werden nun unnötigerweise Existenzen erneut einem enormen Risiko ausgesetzt und die Folgen auf die psycho-soziale Verfasstheit betroffener Personen ausgeblendet. So ist zum einen zu hoffen, dass finanzielle Hilfen erhöht und zügig an Involvierte gezahlt werden und der Lockdown des Kultursektors nicht länger als bis Ende November andauert. Ferner empfiehlt sich ein Konzept für die folgenden Monate, damit vor allem Planungssicherheit herrscht. Eines ist allerdings klar: Ein erneutes Herunterfahren des kompletten Kulturbetriebes muss verhindert werden. 

E-MAIL: christian.schorr01@gmail.com

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