„Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland“
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990, bilden diese Zeilen die deutsche Nationalhymne.
Die meisten wissen bereits, dass es sich bei der Hymne lediglich um die dritte Strophe handelt, allerdings ist vielen der historische Hintergrund ihres Textes und die Entstehungsgeschichte des sogenannten Deutschlandliedes, oder auch Lied der Deutschen, kaum bis gar nicht bekannt. Im Jahr 1841 verfasste der in Fallersleben geborene Hochschullehrer August Heinrich Hoffmann (später: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben), die drei Strophen des Liedes, während eines Aufenthalts auf der, bis zu dem Austausch im Jahr 1890, noch britischen Nordseeinsel Helgoland. Damit ist die heutige deutsche Nationalhymne um dreißig Jahre älter, als der im Jahre 1871 als Deutsches Reich ausgerufene Nationalstaat, dessen Zusammenschluss den Flickenteppich der vielen Fürsten- und Herzogtümer, sowie die Macht der einzelnen deutschen Königreiche ersetzte. Tatsächlich ist die Melodie auf welcher das Lied der Deutschen fußt, bereits um einiges älter. Komponiert wurde Sie 1797 von Joseph Haydn, für die Volkshymne Gott erhalte Franz den Kaiser. Sie war gleichsam ein Loblied auf den Österreichischen Kaiser Franz I., zuvor als Franz II. der
letzte Römisch-Deutsche Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, bis zu dessen Verfall 1806. Das Lied von Fallerslebens entstammte aber einer Zeit, in welcher der Wunsch nach einem zusammenhängenden Deutschen Nationalstaat in der Gesellschaft erneut große Konjunktur hatte. Der historische Anlass seiner Entstehung war die Rheinkrise von 1840, als die Dritte Französische Republik, gegenüber den deutschen Staaten die Gebietsanspruch erhob, wie bereits zu Zeiten Napoleons, den Rhein als natürliche Deutsch-Französische Grenze zu etablieren. Die Bedrohung durch den französischen Gebietsanspruch, ließ innerhalb der deutschen Staaten einen übergreifender Nationalismus erstarken, der vor allem über Lieder, Schriften und Gedichte durch die breiten gesellschaftlichen Schichten getragen wurde. In dieser Zeit finden auch viele weitere populäre Volkslieder ihren Ursprung, welche wegen ihrem gemeinsamen Anlass auch als Rheinlieder bezeichnet werden. So auch „Die Wacht am Rhein“, als Antwort auf Frankreich, wiederum an dem deutschen Anrecht auf die Gebiete östlich des Rhein festzuhalten.
Ganz gleich der allgemeinen Bekanntheit wurde das Lied der Deutschen nicht zur Hymne des Kaiserreichs gekürt. Diesen Titel beanspruchte bereits das preußische Heil dir im Siegerkranz, das wie so viele Hymnen der Ära auf der Melodie des britischen God save the King/Queen basiert.
Die Sternstunde des Deutschlandliedes kam erst während dem ersten Weltkrieg, als die Oberste Heeresleitung im November 1914 verkünden ließ, todesmutige Deutsche Soldaten hätten im belgischen Langemark, unter Gesang jenes Liedes, die französischen Stellungen erstürmt und dabei nicht weniger als 2000 feindliche Soldaten gefangen genommen.
Diese Meldung, kurze Zeit darauf von mehreren Deutschen Zeitungen übernommen, verhalf dem Lied in kurzer Zeit zu seinem legendärem Status, rund um den als Mythos von Langemark verklärten, aber für beide Seiten überaus verlustreichen Kriegsschauplatz in Flandern. Mit der Erzwungenen Abdankung des Kaisers, dem Ende der konstitutionellen Monarchie und dem Einzug der ersten deutschen Demokratie, erklärte der SPD Politiker und Reichspräsident Friedrich Ebert, das vollständige Deutschlandlied zur Hymne der Weimarer Republik. Mit der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 wurde das Horst-Wessel-Lied, zuvor das Kampflied der SA, zur neuen Nationalhymne des Dritten Reichs. Lediglich die erste Strophe des Deutschlandliedes wurde vor dem Einsetzen der Hymne gespielt um an den Mythos von
Langemark anzuknüpfen und damit die NS-Bewegung in eine Tradition mit dem Kampf des Heeres zu reihen. Symbolik wie diese war oft Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie und diente der Legitimation ihrer Ziele und Motive. So auch die erdachte „Dolchstoß-Legende“ aus der Zwischenkriegszeit, die besagte, das deutsche Heer sei an der Front nie geschlagen und der Krieg 1918 nur durch Verrat und Intrigen im Landesinneren verloren worden.
Nach dem Ende der Diktatur, einigte sich die Regierung der Bundesrepublik Deutschland darauf, nur die letzte Strophe des Deutschlandliedes als Hymne zu offiziellen Anlässen zu spielen, welche bis heute als Nationalhymne Deutschlands erhalten geblieben ist. Heutzutage wird die erste Strophe des Liedes von vielen sehr negativ aufgenommen, wo es heißt:
„Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zum Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!“
Für viele steht die Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ für ein impliziertes, hegemoniales Herrschaftsstreben, damit verbunden sich als Nation über die Welt zu erheben, also einen daraus abgeleiteten deutschen Führungsanspruch, wie ihn gerade die Nationalsozialisten forderten. Durchaus kann man diese Auslegung des Liedtextes während der NS-Herrschaft so verorten. Entsprechend entschied sich die Regierung unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) dazu, nur die dritte Strophe zu spielen, aber die Hymne als Ganzes zu erhalten, wie aus Briefwechseln mit dem damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP) hervorgeht. Man wollte dadurch vermeiden, dass die Welt nach dem deutschen Angriffskrieg von 1939-45 erneut einen fälschlichen Eindruck von Deutschland bekam, was den Hoffnungen auf eine rasche Wiedervereinigung und Rückkehr zur vollständigen Souveränität des Landes nach der Besatzungszeit im Weg gestanden hätte. Tatsächlich hatte der Ursprung dieser kontrovers klingenden Strophe ganz andere Hintergründe: Im Jahre 1841 existierte weder ein zusammenhängender „deutscher“ Nationalstaat, noch gab es Bestrebungen und Möglichkeiten, die Welt in einem Angriffskrieg wie dem Hitlers zu unterjochen. Es ging darum, zunächst über die Kultur und Sprache, ein über Grenzen hinweg verbindendes Nationalbewusstsein der Deutschen zu erwecken, um so die Grundlage einer deutschen Nation zu schaffen. So sieht es auch das Lied von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben vor: Gemeint war, die Einheit der Deutschen im Geiste, welcher die höchste Bedeutung verliehen werden müsse. Das Rahmenkonzept des Deutschen Bundes, bestehend aus vielen einzelnen Gliedstaaten, besaß selbst keine eigene Staatsgewalt und diente praktisch nur der Vermittlung, weshalb die Autonomie und örtliche Macht auf lange Zeit vor allem bei den jeweiligen Fürsten lag, weswegen ein gemeinsames Handeln des Bundes oftmals an den unterschiedlichen Zielen und Vorstellungen scheiterte. Eine gesamtstaatliche Einigung bedeutete also auch, die Macht der Fürsten deutlich zu begrenzen, weshalb eine solche auf lange Zeit nichts absehbar gewesen war. Bei der gewählten Formulierung handelt es sich also, anderes als einen die dunkle Epoche des Nationalsozialismus denken lässt, keineswegs um besungenen Größenwahn, sondern um das Ziel ein starkes deutsches Nationalbewusstsein zu erwecken und ein „Deutsches Interesse“, höher zu priorisieren als die jeweiligen Ambitionen vereinzelter, ständig konkurrierender Machtzentren. Diese Bestrebung gesucht von Fallersleben mit der Formulierung „zum Schutz und Trutze“ zu bekräftigen, indem er die These aufstellt, nur durch „brüderlichen Zusammenhalt“, wären die Deutschen fähig, ihre Interessen und das Wohl aller Deutschen zu schützen und zu verteidigen. Dieses Bedürfnis ergab sich seinerzeit gegenwärtig aus der Gefahr einer französischen Invasion. So erfüllte sich diese These im Jahr 1870/71, mit dem Sieg des Norddeutschen Bundes unter Führung Preußens, im Bündnis mit den Süddeutschen Staaten, den Königreichen Bayern und Württemberg, sowie den Großherzogtümern Baden und Hessen-Darmstadt, ausgelöst durch die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen. Hintergrund des Konflikts war das von Spanien initiierte und von Preußen unterstütze Bestreben, Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen als König Spaniens einzusetzen, was in Frankreichs Regierung die Sorge vor einer Einkesselung weckte. Durch den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg, konnte nun nicht nur die Wehrhaftigkeit eines solchen Verbunds bestätigt werden, der Sieg führte auch zur Reichsproklamation und der Krönung des Preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser, im Spiegelsaal von Versailles. Das der Französische Philosoph Alfred Jules Émile Fouillée der Bezeichnung „Schutz und Trutze“ eine aggressive Haltung nachsagte, ist dabei lediglich einem Missverständnis bei der Übersetzung des Satzes ins Französische geschuldet. Des Weiteren sorgt die Einordnung, „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, die das Lied in der ersten Strophe vornimmt, heutzutage für das Gefühl, die Zeile sei aus der Zeit gefallen, da keines der vier Gewässer mehr innerhalb des deutschen Staatsgebietes liegt.Ruft man sich aber das Entstehungsjahr des Liedes ins Gedächtnis, wird ersichtlich, dass es um 1841 nicht weit anders war. Zwar war das Kaiserreich Österreich Mitglied des Deutschen Bundes und damit auch die Südtiroler Etsch theoretisch Teil dessen Einzugsgebietes, jedoch gab es zu der Zeit keinen Deutschen Staat, dessen Grenzen in allen Himmelsrichtungen man dadurch hätte beschreiben können. Die Maas im Westen, der Belt im Norden, die Memel im Osten, die Etsch im Süden — gemeint ist das Gebiet des Sprachraum, in dem die Deutsche Sprache gesprochen wird und aus dem sich eine mögliche Grundlage für einen deutschen Gesamtstaat, d.h. einer deutschen Kulturnation ergeben konnte. Solche pangermanistischen Ideen waren zu der Zeit im

  1. Jahrhundert in deutschen Ländern sehr populär, denn Sie waren zunächst Versuche,
    z.B. über die gemeinsame Sprache, eine „deutsche“ Identität zu verorten um den Grundstein
    für eine „verspätete“ deutsche Nation zu legen.
    Auch die beiden Großmächte Preußen und Österreich rangen mit der Frage nach der Deutschen
    Zukunft. Die „Großdeutsche Lösung“, sah die Staaten des Deutschen Bundes unter Führung des
    Kaisertums Österreich vor, während ihr Gegenmodell, die „Kleindeutsche Lösung“, einen
    deutschen Staat ohne die Beteiligung Österreichs vorsah, wie Sie sich im Jahr 1871 realisierte.
    Ab dem Ende des zweiten Weltkriegs wurden jedoch, insbesondere in Osteuropa viele
    ursprünglich deutsche Bevölkerungsgruppen aus den Ländern des kommunistischen Ostblocks
    vertrieben, etwa in Ungarn (Donauschwaben), wodurch der deutsche Sprachanteil erheblich sank.
    Auch trat Deutschland mit dem Zwei-Plus-Vier Vertrag zur Ermöglichung der Wiedervereinigung,
    den völkerrechtlichen Anspruch auf die damaligen Ostgebiete final ab. Zudem wechselte das
    Bestreben Österreichs nach dem Krieg, anders als nach dem Ende Österreich-Ungarns, von dem
    Wunsch nach einer Großdeutschen Lösung für Österreich (»Anschluss«), nach dem Ende des
    Krieges in den Willen einer souveränen österreichischen Identität, unabhängig von Deutschland.
    Ideen eines Pangermanismus spielten auch eine zentrale Rolle in der NS-Ideologie, die sowohl die
    Errichtung eines Germanischen Großreiches, als auch die Germanisierung Osteuropas anstrebte.
    Es ist jedoch wichtig, die Hymne von der nationalsozialistischen Ideologie stark abzugrenzen, da
    diese zu den Gedanken von Fallerslebens, aus dem Jahr 1841 nicht in Relation stehen kann.
    Die spürbare, geradezu patriotische Euphorie seiner zweiten Strophe lässt sich aus biografischer Sicht anhand von Briefen erklären, die von Fallersleben an seine nie erfüllte Jugendliebe adressierte, in denen er ihr offenbart, beim Schreiben der Zeilen, an Sie als Sinnbild der Frau gedacht zu haben. In der zweiten Strophe heißt es:
    „Deutsche Frauen, deutsche Treue,
    Deutscher Wein und deutscher Sang
    Sollen in der Welt behalten
    Ihren alten schönen Klang,
    Uns zu edler Tat begeistern
    Unser ganzes Leben lang –
    Deutsche Frauen, deutsche Treue,
    Deutscher Wein und deutscher Sang!“

Schaut man nun auf die Wahrnehmung des Liedtextes in der Gegenwart, fällt einem auf, dass viele die ersten zwei Strophen, durch falsche Assoziation mit dem Dritten Reich für verboten halten. Tatsächlich wurden die ersten beiden Strophen nie verboten, weshalb diese zu singen in Deutschland keine Straftat darstellt. Lediglich die dritte Strophe genießt als Deutsche Nationalhymne einen gesonderten rechtlichen Status, wonach Sie durch § 90a StGB gegen Verunglimpfung geschützt ist. Die negativen Konnotation durch die Verwendung und Umdeutung der ersten Strophe im Dritten Reich, sorgte dafür, dass das Lied in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend von seiner ursprünglichen Intention getrennt wurde und der eigentliche Kontext weiter in Vergessenheit geriet. Dabei ist es gerade das Deutschlandlied, welches sowohl zeitlich, als auch inhaltlich in die Zeit des Vormärz eingereiht, eine sehr liberale und progressive Dichtung ist, deren Vorstellungen zu denen eines diktatorischen Führerstaates kaum weiter entfernt hätte stehen können. Wie so viele andere Werke seiner Zeit, zielte es wie bereits erwähnt, über einen Zusammenschluss zu einem souveränen deutschen Nationalstaat, auf ein auf ein Ende der Dominanz der vielen lokalen Fürstentümer ab, sowie die Einführung demokratischer Grundprinzipien in einer liberaleren Gesellschaftsordnung, ohne die Aufgabe nationaler Identität: „Einigkeit (Volk/Nation) und Recht (Rechtsstaatlichkeit) und Freiheit (für alle)“ (siehe: 3. Strophe). Auch erkennbar daran, dass die vorläufige Regierung der Märzrevolution von 1848/49, die Frankfurter Nationalversammlung, in der am 28. März 1849 in der Paulskirche ausgearbeiteten Verfassung, fast einstimmig eine konstitutionelle Erbmonarchie als Spitze des Staates vorsah. Allerdings lehnte der damalige Preußische König Friedrich Wilhelm IV, entschieden die ihm vom Volk überschriebene Kaiserwürde ab, da er die Krone nicht von Revolutionären erhalten, sondern ausschließlich Herrscher „von und durch Gottes Gnaden“ sein wollte. Durch seine Ablehnung scheiterte letztlich die deutsche Märzrevolution, da der König die Revolutionsbemühungen als letzte Konsequenz militärisch zerschlagen ließ. Erst um ’60/’70 gewann die Deutsche Frage durch den konfliktreichen Dualismus Preußen und Österreichs wieder zunehmend an Bedeutung. Das Lied von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben war damit einer der frühen Wegbereiter einer europaweiten Bewegung, mit der Forderung nach mehr nationalem Zusammenhalt, Rechten und Freiheiten, sowie ersten Demokratisierungsprozessen, aber ohne die Aufgabe einer nationalen Identität und Tradition. Es ist also keineswegs verwunderlich, weshalb sich gerade die SPD für das Deutschlandlied in seiner vollständigen Form, als Nationalhymne der ersten Demokratie Deutschlands entschloss. Damit ist dies die lange Geschichte einer deutschen Hymne und ihres Ursprungs, welche verständlicherweise missverstanden und dennoch zu Unrecht verurteilt wird.

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