Kleopatras Name ist Legende geworden, obwohl – oder gerade weil – wir kaum Sicheres über sie wissen. Die stark verzerrte Reputation von Kleopatra, wie etwa die Darstellung als Dirne in vielen literarischen Werken der römischen Kaiserzeit, stimmt nicht mit dem Bild von ihr überein, das der Nachwelt zugrunde liegt. Als zentraler Anhaltspunkt für diese Entwicklung gilt die Propagandadichtung der augusteischen Zeit, in der sich die Reminiszenz an Kleopatra in einen negativen und einen positiven Strang spaltete, wobei die stark negative Darstellung in hohem Maße dominiert. Ihre Diffamierung war prädestiniert durch ihre elementare Rolle im römischen Bürgerkrieg. Nicht nur ihr Verhältnis zu Gaius Iulius Caesar und Marcus Antonius, sondern auch ihre familiären Umstände dienten den Propagandadichtern als Grundlage für ihre Literatur. Allerdings werden ihr auch positive Werte attribuiert. Noch heute ist uns die makedonische Griechin als die Frau bekannt, die sich, aufgrund ihrer Schönheit und Grazie, zwei römische Feldherren für ihre politischen Zwecke zu Nutze machte und als Idealtyp einer Gynaikokratin in die Geschichte einging. Um diese Entwicklung verstehen zu können, muss ein Einblick in den römischen Bürgerkrieg gegeben werden.
Als Ptolemaios XIII. im Herbst 49 v. Chr. in Thessalonike vom römischen Gegensenat auf Empfehlung des Pompeius, de jure als König Ägyptens anerkannt wurde, floh Kleopatra VII. nach Syrien. Im Herbst 48 v. Chr. lagerte sie in der Nähe von Pelusion, entschlossen die Befehlsgewalt über Ägypten mit kriegerischen Mitteln zurückzuerobern. Kleopatra hoffte darauf, Caesar verführen zu können und so in ihre ambitionierten politischen Plänen zu einzubinden, da die Sympathien der Öffentlichkeit überwiegend dem jungen König galten. Kleopatra band Caesar so sehr an ihre Person, dass für Caesar monatelang die römischen Aufgaben und die römische Politik völlig in den Hintergrund traten und er beschloss, Kleopatra gemeinsam mit Ptolemaios XIII. als Herrscher über Ägypten einzusetzen. Die Folgen dieses Kompromisses lasteten auf dem römischen Volk, denn das jüngere Geschwisterpaar, Ptolemaios XIV. und Arsinoë, sollte in Zypern als Könige eingesetzt werden, das heißt, dass jene Gebiete in den Besitz der Ptolemäer-Dynastie zurückkehrten, die man zehn Jahre zuvor als römische Provinz eingezogen hatte. Als Caesar im Herbst 46 v. Chr. nach Rom zurückkehrte, folgte Kleopatra ihm. Kleopatras Residieren in Rom, veranlasst durch den nunmehrigen Diktator Caesar, stellte eine Provokation der römischen Senatoren da, die sich darin begründete, dass Kleopatra nicht nur die regierende Monarchin des reichen und ruhmreichen Ägyptens war, sondern sich auch in einer Liaison mit dem römischen Diktator befand, der Bemühungen unternahm, ihrem Verhältnis durch offizielle Erlaubnis einen eheähnlichen Charakter zu verleihen. Außerdem ließ Caesar eine goldene Statue für Kleopatra, die Inkarnation der Liebesgöttin Venus, errichten, welche im neu erbauten Tempel der Venus Genetrix, Schutzgöttin der Familie Caesars, gleichberechtigt neben dessen Kultbild platziert wurde. Derartige Provokationen von Caesars Seite, befeuerten die Entscheidung der Mörder. Am 15. März 44 v. Chr. wurde Caesar als Tyrann von republikanischen, freiheitsliebenden Senatoren erstochen. Nach Caesars Tod reiste Kleopatra nach Alexandria ab. Nachdem Marcus Antonius nach den Iden des März 44. v. Chr. als Konsul faktisch Alleinherrscher in Rom war, fanden sich Octavian, Marcus Antonius und Marcus Aemilius Lepidus nach komplizierten Auseinandersetzungen in der politischen Organisationsform eines Triumvirats zusammen und bekamen unter der Zusicherung einer Wiederherstellung des Staates eminente Vollmachten zugebilligt. Kleopatra unterstützte Marcus Antonius und die Caesarianer im Bürgerkrieg und legte ihre politischen Hoffnungen wieder in ein Verhältnis mit dem jungen, mächtigen Feldherrn. Kleopatras und Marcus Antonius Machtbestrebungen gipfelten schlussendlich in der Seeschlacht bei Actium. Am 2. September 31 v. Chr. lagen sich vor der griechischen Hafenstadt Actium Antonius, altgedienter General Caesar und Herr des Vorderen Orients, unterstützt von Kleopatras ägyptischer Flotte und Octavian, der Adoptivsohn Caesars, unterstützt von dem Feldherrn Agrippa, seinem Freund, gegenüber. Die Lage spitzte sich zu, da Octavian klar im Vorteil lag. Kleopatra ergriff während der Schlacht die Flucht. Antonius folgte ihr, rette damit nur ein Viertel seiner Flotte und ließ seine verbleibenden 19 Legionen im Stich, die am Hagel der feindlichen Brandpfeile zugrunde gingen.
Nach dieser verheerenden Niederlage suchte Kleopatra das Grab ihres verstorbenen Geliebten auf, an dem sie Selbstmord beging. Wie genau sie dies durchführte, wusste man schon im Altertum nicht: Kleopatra habe sich wohl durch eingenommenes Gift oder anhand einer vergifteten Haarnadel das Leben genommen. Doch die wohl bekannteste Überlieferung ist die, in der sie ihrem Leben auf eine Weise, die einer ägyptischen Königin gemäß war, ein Ende bereitete: Selbstmord durch den Schlangenbiss einer Kobra.
Genauso wie ihr Tod genügend Mysterium behielt, um die Fantasie der Menschen immer weiter zu beflügeln, prägte Kleopatra das öffentliche Bewusstsein so, dass auch die Dichtung sich ständig mit ihr beschäftigte. Die Überlieferung zu ihr wurden hauptsächlich vom Sieger bestimmt, von Augustus. Nach seinem Triumph über Kleopatra und Antonius nach der Seeschlacht von Actium blieb Augustus der unangefochtene Machthaber des Mittelmeerraumes. Die augusteische Ideologie manifestiert sich in der Propaganadichtung: Die Verantwortung für den Krieg wurde nur der Königin von Ägypten zugeschrieben, die als betrunkene Verrückte galt. Die Propagandadichtung manipulierte ihr Ansehen, um Octavians politische und moralische Ideale zu fördern. Sie bestand hierbei nicht aus der gezielten Erfindung von Fakten, sondern hauptsächlich aus einer einseitigen und verfälschenden Darstellung der Realität. Die Kernbotschaft war, dass das römische Volk sich vor einer ägyptischen Königin fürchten und sich ihrem Willen und ihrer Kontrolle unterwerfen musste und erst durch das nahezu göttliche Eingreifen des Augustus befreit wurde. Umso eindrucksvoller ist es, dass Horaz und Vergil in der Lage waren, sich von vorgegebenen Mustern zu distanzieren und die persönliche Größe der Königin anzuerkennen.
Was Octavian schließlich in seiner Propaganda als romantische Grille des Antonius oder dämonischen weiblichen Einfluss der Kleopatra geißelte, war in Wirklichkeit schierer Zwang, geboren aus der Politik des Octavian selbst, denn die Verteufelung Kleopatras setzte vor allem dann ein, als Kleopatras sich vor der Schlacht bei Actium in Antonius ́ Lager aufhielt und den Triumvirn damit schwer kompromittierte. Denn in römischen Truppenlagern war die Anwesenheit einer Frau ein Skandal, und diesen Skandal und alles darauf Folgende schlachteten die Propagandadichter weidlich aus. Kleopatra verfolgte die Phantasie der griechisch-römischen Welt: Ihre Pracht, ihr Stolz, ihre angebliche Freizügigkeit, die Umstände ihres Todes, aber auch ihre Gelehrsamkeit, und natürlich die Romantik ihrer leidenschaftlichen Lieben wurden zu allgemeinen literarischen Themen, die bis lange nach Augustus ́ Tod reichten. Die wahre Kleopatra wird für immer hinter all den Masken, die man ihr aufgesetzt hat, verborgen bleiben.

Bildquelle: https://de.artsdot.com/@@/9GEQWP-John-William-Waterhouse-Kleopatra

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