Mehrere hundert Juden auf offener Straße massakriert, Frauen und Kinder vergewaltigt. Im Anschluss wurden mehr als 30.000 Juden sofort in Konzentrationslager deportiert.
Es war nach den Nürnberger Rassengesetzen die nächste Stufe der völligen Entmenschlichung und ein grausamer Schritt in den moralischen Abgrund. Als Vorwand wurde nicht die vorangetriebene staatliche „Arisierung“ bekannt gegeben, sondern das Attentat des Deutsch-Polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath. Die NS-Propaganda stürzte sich direkt darauf und befahl, das Attentat medial als einen Angriff des „Weltjudentums auf das deutsche Volk“ darzustellen und, dass jeder Jude innerhalb der deutschen Landesgrenzen die „Konsequenzen“ dafür spüren werde. Wiederholt war von einer verschärften Neuinterpretation der sogenannten „Judenfrage“ zu hören.
Wohin diese „Interpretation“ geführt hat, ist uns allen bekannt. Bereits am selben Tag noch fingen die Übergriffe und Zerstörungen auf Juden und deren Wohnungen an. Hitler und Göbbels ordneten an, dem „Volkszorn“ freien Lauf zu lassen und antijüdische Verbrechen nicht zu unterbinden. Viele Mitglieder von SA und SS, aber auch Zivilisten sahen das als endgültigen Freibrief an, um ihrem Rassenhass freien Lauf zu lassen.
Behörden und Gauleiter gaben sofort Befehle weiter sämtliche Synagogen in Brand zu setzen und verbaten der Feuerwehr, einzuschreiten. Dazu kam noch die Vertreibung aller Juden aus ihren Häusern und der Diebstahl ihrer Wertgegenstände, damit in den kommenden Wochen „Arier“ dort einziehen konnten. In der Nacht stürmten SA-Schergen sämtliche jüdische Wohnungen und stahlen alles, was sie in die Finger bekamen, sodass jüdische Familien am nächsten Morgen so gut wie keinen Besitz mehr hatten – teils nicht einmal mehr Besteck. Am 10. November waren 2000 Juden ermordet worden, mehrere hundert begingen aus Verzweiflung Suizid und unzählige Einrichtungen, welche auch nur am Rande mit dem Judentum assoziiert werden konnten, lagen in Schutt und Asche. Doch das war lange nicht das Ende: Im Gau Österreich, in Schlesien, in Danzig und in anderen Teilen des 3. Reiches fingen die Pogrome teils erst Tage später an. Verwüstete Geschäfte, tausende zerstöre Synagogen, Friedhöfe und Wohnungen, Misshandlungen (selbst von Neugeborenen), Demütigungen, wie etwa Juden zu zwingen, nationalsozialistische Lieder zu singen, alles war dabei. Es folgten umgehend die Deportation. Nach Buchenwald, Baden-Baden, Dachau und Sachsenhausen, welche zynisch als „Schutzhaft“ bezeichnet wurde. Der einzige Weg aus den KZ heraus war die schriftliche Verpflichtung, das Land umgehend zu verlassen und alles an Besitz dem Reich zu überlassen. In den folgenden Tagen wurden die verbleibenden Juden per Dekret dazu gezwungen, für den Schaden der Pogrome aufzukommen – die Kosten beliefen sich auf ca. 225
Millionen Reichsmark.


Die Reaktionen und das moralisches Versagen des Auslandes:

Auf der Konferenz von Evian vier Monate zuvor, wurde besprochen, wie man den Juden, aus ihrer damals bereits aussichtslosen Situation helfen könnte. Bis auf einige wenige Staaten, welche sich nur zu einer Handvoll Jugendlicher Juden durchringen konnte, erklärte ein Diplomat nach dem
anderen das Mitgefühl mit den Juden, aber gleichzeitig die angeblich nicht umsetzbare Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen. Evian hätte der Ort sein können, an dem sich die westlichen Länder schützend vor die Juden und entschieden gegen die Barbarei des Nazi-Regimes hätten stellen können, aber die katastrophale Appeasement-Politik der damaligen Zeit ließ dies nicht zu. Doch dies änderte sich leicht mit den Novemberpogromen.
Die Appeasement-Politik des damaligen Premierministers Neville Chamberlain galt als komplett gescheitert und in den USA gab es scharfe Proteste, vor allem wegen dem Ausschluss jüdischer Geschäftsbetriebe. Trotz einzelner Boykottbewegungen änderte sich nicht viel. Der industrielle Völkermord an über 6,3 Millionen Juden in den Konzentrationslagern von Auschwitz, Treblinka, Buchenwald und vieler anderer wurde zwar erst später offiziell beschlossen, doch das Schicksal war längst niedergeschrieben und das jüdische Volk war aneinander gekettet auf dem grausamen Todesmarsch in die Vernichtungslager. Die Novemberpogrome sollten uns allen ein Mahnmal sein, was passiert, wenn die Entmenschlichung einer ganzen Minderheit seinen Höhepunkt erreicht. Vor allem in einer Zeit in der Juden immer noch existentiell bedroht sind.

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